Auf die Verantwortung kommt es an

Wer bei der Kreisjägerschaft Solingen eine Ausbildung zum Jungjäger absolviert, lernt zunächst einmal, wie er sich in Flora und Fauna verhält. Und das theoretisch wie praktisch.

„Die Natur, die Pflanzen, die Tierwelt. Dafür interessiere ich mich, seit ich ein Kind bin. Ich weiß noch, dass ich jeden Sommer in einem Biologie- und Naturschutzcamp mitgemacht habe“, erzählt Isa Ozminski. Gemeinsam mit ihrer Bekannten Daniela Schulz sowie einigen Mitgliedern der Kreisjägerschaft Solingen ist sie gerade auf dem Weg zu einem nahegelegenen Biotop in Höhrath. Thomas Lambracht, der Pächter des Jagdreviers Solingen-Burg, ist ebenfalls  mit dabei, auch Naturschützer Gerhard Bahmer. Er ist Vorsitzender der Stiftung zum Schutz von Tier und Natur Solingen e. V., die vor knapp 30 Jahren von der Kreisjägerschaft gegründet wurde. Gemeinsam werden sie das Biotop gleich renaturieren, die Teiche vom Herbstlaub befreien, die Auen drum herum heruntermähen. „Ohne Pflegearbeiten würden die Teiche verlanden, unddie Wiese würde mit Büschen zuwachsen. Damit ginge wertvoller Lebensraum für Amphibien und Insekten verloren“, erklärt Gerhard Bahmer. Wildschweine, Rehe, aber auch eine Vielzahl an Amphibien sind hier regelmäßig anzutreffen. Was all das mit dem Thema Jagd zu tun hat? Eine Menge. Isa Ozminski und Daniela Schulz absolvieren gerade eine Ausbildung zur Jägerin bei der Solinger Kreisjägerschaft. Diese legt größten Wert auf den Naturschutzgedanken, daher müssen sich alle Jungjäger (was sich nicht auf deren Alter bezieht, denn Jäger kann man mit 16 genauso werden wie mit 60) bei der Kreisjägerschaft Solingen intensiv mit Tierwelt befassen. Das Fach hat nicht nur in der Theorie, sondern auch in der Praxis einen großen Stellenwert. Die gesamte Ausbildung dauert nicht nur fast ein Jahr, sie ist auch hart: Zweimal 90 Minuten Theorie in der Woche plus stundenlanges Lernen zu Hause, am Ende eine theoretische und praktische Prüfung, bei der alles sitzen muss. Kein Mal eben. „Wer bei uns die Prüfung macht, hat bis dahin nicht nur viele Unterlagen, sondern auch ein mehrere hundert Seiten starkes Buch durchgearbeitet, denn das Wissen, das wir vermitteln wollen und müssen, ist unglaublich vielfältig“, beschreibt es Frank Vigneri, der wie auch Gerhard Bahmer die Jungjäger in den Kursen schult. Welche Tiere gibt es und was zeichnet sie aus? Wie teilen sich die insgesamt 13 Jagdreviere in Solingen auf, welche Flora ist dort anzutreffen? Was darf man als Pächter und was nicht? Was passiert in Feld, Wald und Forst zu welcher Jahreszeit? Wie können Landwirte, Jäger und Förster einander ergänzen und warum ist das vielleicht nicht ganz unwichtig? Welches Fleisch kann und darf man verzehren und anbieten und welche Grundlagen sieht das Lebensmittelrecht hier vor? Auch diese Fragen werden in der Jungjägerausbildung geklärt. Für Isa Ozminski ist es der richtige Zeitpunkt für die Ausbildung. „Ich habe jetzt die Flexibilität, mir die Zeit zu nehmen, und es ist wirklich ein großer Aufwand“, unterstreicht sie. Daniela Schulz ergänzt: „Wir haben zwei Kinder, die allerlei Fragen zum Leben im Wald stellen, aber bisher konnte ich einige nicht beantworten, das möchte ich ändern. Auch um die Natur zu schätzen, muss man einfach sachkundig sein. Warum nicht später mal in Schulen gehen und dort ergänzend zum Unterricht über Wald und Forst berichten?“, überlegt sie. Beide sehen sich eher in der Hege und Pflege. Aber sie wissen, dass ein Jäger auch schießen können muss. Und dass dies ein sensibles Thema ist, auch in der Öffentlichkeit. „Der Moment wird kommen, und dann muss man das auch können. Es gibt auch kranke Tiere im Wald, für die es eine Erlösung ist“, sagt Daniela Schulz. Isa Ozminski sieht einen wichtigen Aspekt in der Jagd, „dass ich gesundes und nachhaltiges Fleisch selbst beschaffen kann.“ Da stimmt Frank Vigneri zu: „Was ist mehr Bio als frei lebendes Wild?“ Er weiß um die besondere Verantwortung, die Jägern zukommt, und er kennt auch das Bild, das manche Leute von ihnen haben: Im Morgengrauen Tiere abknallen. „Und genau das ist es nicht“, stellt Vigneri klar. Wer nicht verantwortungsvoll mit seiner Funktion umgehe, der habe mit Konsequenzen zu rechnen. Wer als nicht mehr zuverlässig gilt, der muss mit dem Entzug des Jagdscheins rechnen. Es gibt hier einen strengen Kodex. Verantwortung vermitteln, für die Natur und die Tiere in ihr: Das ist ihm daher ganz wichtig. Denn letztlich sehen sich die Solinger Kreisjäger auch in der Position, so gut es geht für Ausgewogenheit in Flora und Fauna zu sorgen – was nicht einfacher wird, da der Mensch immer stärker in diese eingreift. „Alle wollen gesunde Bäume, die nicht von zu vielen Rehen angenagt werden, die Menschen essen gerade im Herbst und Winter auch gerne Wild, wenn möglich aus der Region. Wichtig ist allen ein artgerechter und landestypischer Wildbestand. Um all das muss sich jemand kümmern. Das sind wir“, sagt Frank Vigneri. Er setzt sich am Biotop in Höhrath die Ohrenschützer auf und wirft den benzinbetriebenen Rasentrimmer an. Auch Isa Ozminski und Daniela Schulz sind längst in ihre Biotop-Arbeit versunken. In einer Natur in und um Solingen, die es zu erhalten gilt.

Ein Text aus dem Engelbert Solingen, Ausgabe 21.
Fotos: Christian Beier

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