Mission: Weltraum-Medizinerin

Marla Lynn Welsch will hoch hinaus. Die Solinger Medizinstudentin und Doktorandin zieht es als Wissenschaftlerin ins All. Sie wäre die zweite deutsche Frau im Weltraum nach der Astronautin Rabea Rogge. Ein Traum, der für die 25-Jährige in Erfüllung gehen könnte.

Bereits als Kind suchte Marla Lynn Welsch körperliche und mentale Herausforderungen. Zudem wusste die Solingerin schon mit sechs Jahren, dass sie Medizinerin werden wollte. Kein ungewöhnlicher Berufswunsch für Menschen mit viel Ehrgeiz. Bei Marla Lynn Welsch blieb es nicht dabei. Vor drei Jahren kam eine neue Ambition hinzu. „Ich will unbedingt ins All“, erzählt die sportliche Doktorandin, die nach einem Medizin-Studium an der Uni Köln derzeit ihr Praktisches Jahr absolviert. Wenn sie nicht gerade in den französischen Alpen unterwegs ist, um bei eisigen Temperaturen ein Survival-Training zu machen. Oder tief unter der Erde in einer Festung aus dem Zweiten Weltkrieg unter möglichst realen Bedingungen einen Raumfahrteinsatz plant – so wie letztes Jahr bei einer analogen Simulationsmission im Schweizer Gotthardmassiv. Die extremen Trainingseinheiten sind Teil eines Programms der Uni Lausanne, für das sich Welsch beworben hatte, um ihre Chancen auf eine echte Raumfahrtmission zu erhöhen. Ein Ziel, das sie mit den übrigen neun Teilnehmern eint, die an „Asclepios VI“ teilnehmen dürfen. Es ist bereits die sechste analoge Weltraummission, die Studenten der „École polytechnique fédérale de Lausanne“ auf den Weg gebracht haben, und das Auswahlverfahren dafür war ganz schön hart.

Allein unter Ingenieuren

„Man kann es mit dem Selektionsverfahren für Kampfjetpiloten vergleichen“, verrät Welsch, die bei Asklepios mit ihrer Fachrichtung aus dem Rahmen fällt: „Ich bin die einzige Medizinstudentin unter vielen angehenden Ingenieuren.“ Ein Vorteil, wie sie sagt, weil sie durch ihr Fachwissen in medizinischen Notsituationen genau wisse, „was in einer solchen Situation zu tun ist“. Das könnte ihr auch in der wichtigsten Phase von „Asclepios VI“ helfen, wenn im kommenden Sommer in der italienischen Schweiz eine Raumfahrt-Mission analog und damit möglichst realistisch simuliert wird.

Sehnsucht nach dem „Overview-Effekt“

Doch was zieht sie überhaupt ins All? „Ich möchte wissen, was man empfindet, wenn man da oben ist“, sagt Welsch und spricht vom sogenannten „Overview-Effekt“, von dem auch der deutsche Raumfahrer und Geophysiker Alexander Gerst oft geschwärmt hat. Mit eigenen Augen aus mehreren Hundert Kilometern Höhe zu sehen, dass die Erde ein zwar schönes, aber zugleich fragiles Gesamtsystem ist – das wünscht sich auch Marla Lynn Welsch. „Es geht mir aber nicht nur um den Panoramablick aus dem All, sondern vor allem um die Forschung und neue Erkenntnisse“, sagt sie und ergänzt, dass sie nach ihrem Doktor der Medizin als Nächstes einen Master in Raumfahrtmedizin anstrebt: „Weil ich genau verstehen will, welche physikalischen, chemischen und biologischen Prozesse in der Mikrogravitation einsetzen.“ Oder anders ausgedrückt: „Was passiert genau im Körper, wenn die Schwerkraft extrem reduziert ist?“ Am liebsten möchte sie das an sich selbst erforschen – wohl wissend, dass eine solche Mission viele Risiken mit sich bringt. „Wir wissen etwa von der USAstronautin Sunnita Williams, die wegen technischer Pannen am Starliner-Raumschiff nicht nur eine Woche, sondern neun Monate im All war und erst im März 2025 von ihrer Mission heimkehren konnte, dass es ihr danach gesundheitlich über einen längeren Zeitraum ziemlich schlecht ging.“ Von solchen Erfahrungen lasse sie sich indes nicht abschrecken: „Ich werde mein Ziel, in den Weltraum zu kommen, auf jeden Fall weiter verfolgen, und darum bin ich auch so froh und dankbar, dass ich an der analogen Mission in den Schweizer Alpen teilnehmen darf.“ Und was, wenn sich die Reise ins All in zehn oder 15 Jahren trotz aller Anstrengungen nicht realisieren lässt? „Dann wäre das auch kein persönlicher Weltuntergang, weil der Weg das Ziel ist und ich es generell liebe, zu lernen und meinen kognitiven Horizont zu erweitern. Durch meine Weltraum-Ambitionen passiert genau das“, erklärt die ehrgeizige 25-Jährige.

Zur Person

Marla Lynn Welsch, die 2000 in der hessischen Kreisstadt Bad Homburg geboren wurde und mit ihrer Familie mit vier Jahren nach Solingen zog, machte 2018 ihr Einser-Abitur am Humboldt-Gymnasium in Solingen-Wald. Während der Schulzeit besuchte sie eine „Summer Medical School“ an der Uni Cambridge. 2019 begann sie ein Humanmedizin-Studium in Köln, das sie dieses Jahr nach einer Doktorarbeit zur Grundlagenforschung auf Zellebene abschließen wird. Danach will sie ihren Facharzt in Anästhesiologie machen und an der Kölner Uniklinik als Ärztin arbeiten. Derzeit absolviert sie ihr Praktisches Jahr, unter anderem in der Chirurgie des Solinger Klinikums. Neben ihren medizinischen Ambitionen zieht es Welsch, die viel Kampf- und Tauchsport betrieben hat, eine Lizenz als Rettungstaucherin besitzt und eine Zusatzqualifikation für Notfallmedizin hat, ins All. Sie ist Mitglied in der Deutschen Gesellschaft für Luft- und Raumfahrtmedizin. Zudem engagiert sie sich beim Österreichischen Weltraum-Forum als Moderatorin und Mitglied des Social-Media-Teams und wird künftig auch noch das Biomedical Team unterstützen.

Melanie Aprin, Fotos: Christian Beier, Marla Welsch, Yulia Akisheva