Auf den Sattel!

Die ersten Kraniche sind längst über das Land gezogen – tierische Vorboten des Frühlings. Es ist länger hell, die Stimmung wird besser, und viele holen bereits beschwingt und voller Vorfreude ihre Räder aus dem Keller oder der Garage. Die Zweiradsaison beginnt. Und damit stellt sich die Frage: Was muss ich beachten, bevor ich mich erstmals wieder in den Sattel schwinge?

Bevor es losgeht: Eine gewisse körperliche Fitness sollte vorhanden sein. Das gilt auch dann, wenn es sich um ein Fahrrad mit Elektroantrieb handelt. Aber es gibt erheblich mehr, worauf man dringend achten sollte. Das gilt für Profis und für Hobbyaktive gleichermaßen. Wir haben echte Freaks gefragt: Sportlerinnen und Sportler, die ihren fahrbaren Untersatz mit zwei Rädern in den kalten Monaten nicht einkellern. Sie fahren immer. Bei Wind und Wetter. Und müssen trotzdem oder gerade deshalb wissen, wie man sich auf die Saison vorbereitet.

Wie Ines Neumann. Die Wermelskirchenerin fährt seit knapp 30 Jahren intensiv Rad. Wobei sie schon immer eine Affinität dafür gehabt hat: „Als Kind bin ich bereits mit dem Fahrrad zur Schule gefahren.“ Heute zur Arbeit – von Tente in die Wermelskirchener City. Peanuts im Verhältnis zu dem, was sie in ihrer Freizeit unter die Reifen nimmt. Sie sagt: „Mich kennt man fast gar nicht ohne Rad.“ Umso wichtiger ist es ihr, dass ihr Rennrad, ihr Gravelbike und ihr Mountainbike tipptopp in Ordnung sind. „Nach jeder Fahrt spritze ich mein Rad mit Wasser ab, öle die Kette und die Schaltung.“ Nichts wird dem Zufall überlassen. Sie weiß, worauf zu achten ist. Gelegenheitsfahrern rät sie: „Wer sich nicht so auskennt, sollte sein Gefährt lieber zur Kontrolle in einen Fachhandel bringen. Vor allem Schaltzüge und Bremsbeläge gilt es zu überprüfen.“ Sobald die Sonne scheint, fährt sie liebend gerne in Richtung Rhein. Im Winter bevorzugt sie das Bergische: „Da kann man sich schön warm fahren.“

Jan Küpper ist beim RV Adler Lüttringhausen für die Öffentlichkeitsarbeit verantwortlich. Am liebsten ist er aber selbst mit dem Rad unterwegs. Vor allem die Talsperren haben es ihm angetan: „Von mir in Ehringhausen fahre ich sehr gerne zur Sengbach- oder zur Wuppertalsperre.“ Am häufigsten nutzt er derzeit sein Gravelbike: „Das ist ein echter Allrounder.“ Auch er achtet peinlich genau darauf, den Verschleiß möglichst zu minimieren. Was durch regelmäßige Säuberungsaktionen gelingt. „Schon kleine Sandkörnchen sind wie Schmirgelpapier“, sagt er. Früher hat er seine Bikes zum Check gebracht, inzwischen weiß er selbst, worauf es ankommt. Bremsbeläge, Reifenqualität und -profil, Kettenblätter, Kassette, die Kette selbst – seinem geschulten Auge entgeht nichts. Den Gelegenheitsfahrern empfiehlt er dringend, das Bike nach der Winterpause von Fachfirmen checken zu lassen: „Teilweise gibt es da im Frühling schon sehr schöne Sonderangebote.“

So sieht das auch Herbert Grothe. Und der muss es wissen. Er ist in seinem Leben 600.000 Kilometer mit dem Rad gefahren und hat 1580 offizielle Rennen bestritten. Sein Trainingsbuch spuckt die genauen Daten aus. Ein Leben für den Radsport? Das kann man so sagen. Weshalb bestens nachvollziehbar ist, dass der Lüttringhausener sich selbst um seine Vehikel kümmert. Derzeit hat er sechs (!) in Betrieb. Ein Mountainbike, ein Crossrad, ein E-Rennrad, zwei Carbonräder und eines mit einem Uraltrahmen. Langeweile ist da ein Fremdwort. Auch, was die Pflege angeht. Er weiß: „Es gibt viele, die an ihren Rädern selbst rumschrauben.“ Mal fachkundig, mal weniger. „Es macht Sinn, wenn sich Händler um Schaltung, Kette, Zahnkranz und Bremsbeläge kümmern, wenn die Räder im Winter nicht genutzt wurden.“ Für ihn selbst gilt das nicht. Er fährt durch. Von Januar bis Dezember. Am liebsten über die Trassen. Wie von Mittelgarschagen über den Bahnhof Lennep bis nach Marienheide und zurück. Das ist seine Lieblingsstrecke: „verkehrsarme 85 Kilometer“. Manchmal geht es auch bis Opladen und dann an den Rhein. Ein Genussfahrer, der sich auf seinen Untersatz verlassen kann. Wieder daheim, schäumt der 77-Jährige sein Gefährt ein, holt sich einen Eimer Wasser, füllt uralte Trinkflaschen mit der Flüssigkeit. Und putzt. Und putzt. Und putzt. Ehe er mit einem Lappen die Ketten reinigt und diese anschließend mit Nähmaschinenöl oder Getriebeöl versieht. Das ist so etwas wie ein Geheimtipp. Ohne Fleiß kein Preis. Das gilt für Anfänger wie für die, die schon 80.000 Kilometer in den Beinen haben. Und die Sicherheit geht vor. Dann kann der Frühling kommen.

Andreas Dach. Fotos: privat