Simon Riesebeck ist ein Multitalent. Seine Geschichte ist lesenswert: Sie beginnt in Neuseeland, führt weiter nach Remscheid und erzählt von einem Glaser-Meister, der sich als Gastronom und Musikfestival-Organisator einen Namen gemacht hat.
Ein Tag hat 24 Stunden. Das ist eine universelle Wahrheit. Diese gilt allerdings nicht für Simon Riesebeck, denn der Betreiber der Remscheider „ErlebBar” hat mit seiner Arbeit bei der IG Hindenburgstraße und der Organisation der „Remscheider Musikrunde” alle Hände voll zu tun. Doch dem rastlos wirkenden Multitalent reicht das noch nicht, denn bald eröffnet unter seiner Leitung das ehemalige „Intermezzo” mit neuem Konzept. Und all das passiert, während er und seine Frau auf die Geburt ihres ersten Sohnes erwarten. „Meine Mutter hat immer schon Sachen anders gemacht als alle anderen.” Diese Erkenntnis als Antwort auf die Frage, wie man von Neuseeland nach Remscheid kommt, um hier erfolgreich eine Bar zu führen, entpuppt sich als Leitmotiv im Leben des Simon Riesebeck, dessen Vorname englisch ausgesprochen wird. Eine spontane Weltreise der Mutter führte sie unter anderem nach Neuseeland, wo sie nicht nur Land und Leute kennenlernte, sondern auch eine neue Liebe traf. Und diesen Mann, der wie sie in der Süßwarenbranche tätig war, hat sie nach ihrer Weltreise zufällig auf einer Messe in Deutschland wiedergetroffen. Nach einigen Besuchen brach sie ihre Zelte in Remscheid ab und ging nach Neuseeland, wo Simon dann geboren wurde. Die Beziehung hat den Test der Zeit leider nicht bestanden, und da es für eine alleinerziehende Mutter in einem fremden Land, weit weg von Freunden und Familie, alles andere als leicht war, ist Simon im Alter von vier Jahren nach Remscheid gekommen. Die Verbindung zum Vater brach jedoch nie ab und dessen Tätigkeit als Firmenrepräsentant im europäischen Raum erlaubte es ihm, Geschäftsreisen mit Besuchen in Remscheid zu verbinden. Aber auch Simon hat seinen Vater und seine Halbgeschwister regelmäßig in Neuseeland besucht. Heute, sieben Jahre nach dem Tod des Vaters, ist Simon mit seinen Geschwistern noch immer eng verbunden.
Blick über den Tellerrand
Der freidenkerische Spirit der Mutter und der Antrieb, über den eigenen Tellerrand zu schauen, brachte Simon dann am Ende der 10. Klasse dazu, statt des Abiturs eine Ausbildung zu beginnen. Die Leistungen in der Schule hätten durchaus den Weg zu einem guten Abitur geebnet, aber Simon wollte es anders machen. Und so ging es ins Handwerk – erst klassisch zum Bau, später ins Glaserhandwerk. „Ich bin nie wirklich aus der Reihe getanzt, aber diese Mentalität, Dinge anders zu machen, das ist schon etwas typisch Neuseeländisches. Dort sagt dir jeder, dass du das machen sollst, worauf du Lust hast und was du kannst. Ich wurde daher von meiner Mutter sowie von meiner Heimat geprägt, immer mein Ding zu machen.” Diese Mentalität, gepaart mit der Lust auf Arbeit, ist die vielleicht beste Grundlage für einen erfolgreichen Werdegang. „Ich habe mich nie vor Arbeit gescheut und auch in den Ferien oder unter der Woche am Nachmittag im Betrieb meiner Mutter mitgeholfen. Einsatz und Fleiß haben sich für mich ausgezahlt.” Für seinen Meisterbrief musste Simon nach Hessen umziehen. Um dort gut über die Runden zu kommen, jobbte er zusätzlich in der Gastronomie. Sein Arbeitsethos hat ihn auch dort schnell unverzichtbar gemacht, was dazu führte, dass sich sein Weg erneut änderte, als er nach dem Meister-Abschluss zurück nach Remscheid kam. Dort traf er seinen besten Freund Christoph Immer, der ihm vorschlug, gemeinsam ein Café in Remscheid zu betreiben. Und so kümmerte sich Simon um das kulinarische, während Christoph Stadtführungen und Souvenirs organisierte. Danach übernahm Simon die Location komplett.
Harte Probe im doppelten Sinne
Die Übergabe erfolgte im November 2019. Dass sich sein Leben nur fünf Monate später komplett auf den Kopf stellen würde, konnte Simon da noch nicht ahnen. Zugegeben: Alle wurden von der Corona-Pandemie auf die Probe gestellt. Gastronomen wurde jedoch – ähnlich wie Künstlerinnen und Künstler – von einem Tag auf den anderen die Existenzgrundlage genommen. Zeit für Simon, erneut etwas anders zu machen. Und so nutzte er die Zeit, um sein Konzept zu überarbeiten und aus dem Café eine Bar zu machen. Sein handwerklicher Background hilft ihm bis heute, den Großteil der Arbeiten selbst zu machen. „Alles, was du hier siehst, habe ich entweder selbst besorgt oder selbst gebaut. In diesem Laden steckt sehr viel von mir.” Diesen Laden kennt man heute als die „ErlebBar” in der Hindenburgstraße – die Straße, in der seine Mutter damals zur Schule gegangen ist.
Was das Phänomen Bar ausmacht
Doch was ist an Bars so besonders? Was bringt Menschen an diese Orte? Simon hat eine ganz simple Antwort: „Für mich ist eine Bar in erster Linie ein Treffpunkt, an dem sich alle Altersgruppen begegnen können. Es ist mir egal, wo jemand herkommt, welche Geschichte die Person hat – eine Bar muss in erster Linie offen sein. Offen für Neues und offen für Menschen. Egal, aus welchem Land du kommst, welches Geschlecht du toll findest, ob du im Rollstuhl sitzt oder du auch gar kein Deutsch sprichst. Mir ist das egal, denn hier sind die Regeln für alle gleich.“ Die Bar ist oft auch der Startpunkt für den weiteren Abend. Man trifft sich, trinkt etwas, kickert eine Runde und zieht dann weiter. In der Bar wird das echte Leben – und da besonders das Nachtleben – sprichwörtlich erlebbar.
Stichwort „Weiterziehen”
Dieses Weiterziehen hat Simon seit Kindestagen in sich. Seiner „ErlebBar” bleibt er zwar treu, aber er sucht immer wieder neue Herausforderungen. So organisiert er seit Neuestem als Kopf der IG Hindenburgstraße die „Remscheider Musikrunde”, ein Festival mit Liveauftritten in unterschiedlichen Locations an einem Abend. Bei freiem Eintritt kann das Publikum also neue Acts und auch neue Locations entdecken. Ein Konzept, bei dem alle gewinnen.
Spiel, Satz und Schweinsbraten
Gewonnen wird traditionell auch beim Tennisclub Blau-Weiss Remscheid. Den Matchpoint feierte man bisher im angeschlossenen Restaurant „Intermezzo”. Bevor das Team Ende Oktober den Betrieb einstellte, musste die Nachfolge geklärt werden. Eine Aufgabe, die nur jemand stemmen kann, dessen Tag mehr als 24 Stunden hat: Simon Riesebeck. „Ich liebe die ErlebBar und mache hier alles selbst. Aber da kommt man eben irgendwann an seine Grenze und braucht was Neues. Der Vorstand des Tennisclubs hat mich gefragt, ob ich mir das ,Intermezzo‘ mal ansehen möchte und jetzt stehen schon die Termine mit dem Küchenbauer an. Wir müssen und wollen nämlich einiges anders machen.” Mit anders meint Simon ein komplett neues Konzept: Bayrisch-Bergisch soll die Küche werden. Wie kommt man auf so eine Idee? „Wir wollten nicht die zehnte. Pizzeria oder den 25. Dönerladen aufmachen – man muss schon was anderes machen, um sich abzuheben. Mein Betriebsleiter kommt aus Bayern und unser Koch, der übrigens gebürtiger Remscheider ist, hat 17 Jahre lang im Großraum München gekocht. Außerdem passt das Konzept doch perfekt zu Blau-Weiss, oder?” Die Umbauarbeiten sind bereits im Gange und sollen so schnell wie möglich vollendet werden.
Offen, anders, leidenschaftlich
„Ich bin bis jetzt immer gut damit gefahren, Dinge anders zu machen als alle anderen. Jetzt nicht extrem, aber eben ein wenig neben dem Mainstream. Sowas kommt an.” Wenn man jetzt noch sein gesamtes Herz in seine Arbeit steckt, kann man nur gewinnen. Gewonnen haben Simon, seine Frau und ganz Remscheid aktuell eh, denn das Paar feierte die Geburt des ersten gemeinsamen Kindes. Und wenn der Junior nicht alles anders macht als der Papa, sollte die Barkultur in Remscheid für die kommenden Dekaden gesichert sein.
Micha Walmsley, Fotos: Talea Lucie Schiffner, Melissa Wienzek
