Solingen singt

Hunderte treffen sich zum Singen – und setzen damit auch ein Zeichen. In Solingen bringen die christlichen Gemeinden Musik in die Stadt. Kirchenmusikerin Stephanie Schlüter möchte den Menschen mit ihrem Engagement die Angst nach der Messer-Attacke nehmen.

Die Band spielt Rocksongs. Und 600 Hobbysänger stimmen ein. Volkslieder klingen durch die Luft, und die Solinger scheuen sich nicht, mitzusingen. Weihnachtslieder verwandeln Fremde in einen Chor. „Die Leute trauen sich, zu singen, und sie genießen das Gemeinschaftserlebnis“, sagt Stephanie Schlüter aus Solingen, wenn sie an die großen Mitsing Events in ihrer Stadt denkt. Vor zwei Jahren legte die Kirchenmusikerin im Kirchenkreis die Idee von „Solingen singt“ auf den Tisch: Rudelsingen für jeden. Und weil die studierte Musikerin wusste, dass es dafür nicht nur ein paar Lautsprecher braucht, sondern auch richtig guten Ton, holte sie Sänger, Chöre und Instrumentalisten mit ins Boot. Der „Arbeitskreis christlicher Kirchen“ (ACK) in der Stadt ließ sich begeistern. Auch der Jugendrat machte mit. „Wir sind gut vernetzt“, sagt Stephanie Schlüter. 600 Besucher stimmten im vergangenen Jahr in der Lutherkirche mit ein. „Das war bombastisch“, erinnert sich die Musikerin an den vollen Sound, die vielen Stimmen und das große Musikerlebnis. „Das tut so gut“, weiß sie. 200 Menschen sangen im Sommer auf dem Fronhof mit.

Ein niederschwelliges Angebot

Denn „Solingen singt“ bleibt nicht in der Kirche. Ganz im Gegenteil. „Wir gehen auf die Plätze und wollen niederschwellig sein“, erklärt Stephanie Schlüter. Die Zeiten seien vorbei, in denen sich Kirche in die eigenen Räume zurückziehe. „Wir wollen den Menschen n dieser Stadt etwas Gutes schenken“, sagt die Musikerin über die Motivation für „Solingen singt“. Erst recht nach dem Anschlag im Sommer 2024 auf dem Fronhof. Es sei umso wichtiger, sich nun nicht zurückzuziehen – auch nicht vom Fronhof. „Ich glaube, es gibt Menschen, die meiden nach wie vor die Innenstadt“, beobachtet Stephanie Schlüter. „Es ist eine Angst geblieben.“ Mit Musik und Gemeinschaft wolle sie dieser Angst etwas entgegensetzen. Deswegen gehört sie auch zum großen Bündnis „Mitteschmiede“, das sich auf die Fahne geschrieben hat, der Innenstadt neues Leben einzuhauchen. „Vor den Sommerferien haben wir zu Klappstuhlkonzerten auf dem Fronhof eingeladen“, erzählt die Kirchenmusikerin. Lichternacht, Sommerbühne, Weihnachtsmarkt und auch das neue Jugendcafé „Glorious“: Sie wollen ein Zeichen für mehr Miteinander und Fröhlichkeit sein. Die Anwohner freuen sich. Und auch die Solinger sind auf den Beinen – und nehmen das kostenlose Kulturprogramm mitten in der Stadt an. „Tanzende Kinder auf dem Fronhof, Straßenmusiker mit ihren Melodien, bunte Kissen auf der Kirchentreppe: Wenn viele an einem Strang ziehen, dann wird es wieder mehr Leben in der Innenstadt geben“, sagt Stephanie Schlüter und freut sich über die ersten bunten Signale der Veränderung. „Ich mache das auch deswegen“, erklärt die engagierte Kirchenmusikerin, „weil ich ein Mensch bin, der in dieser Stadt lebt. Ich möchte, dass Solingen lebenswert ist.“ Die nächste Ausgabe von „Solingen singt“ ist jedenfalls schon geplant: Am Dezember um 17 Uhr sind alle Interessierten zum großen Mitsing-Event in die Lutherkirche eingeladen. Band, Bläser, Streicher, Chorsänger: Die Veranstalter fahren groß auf – damit sich die Solinger eingeladen fühlen, mitzusingen. Der Eintritt ist frei.

„Solingen singt“ auf dem Fronhof im Herzen Solingens. Den Menschen soll die Angst genommen werden.
Am 21. Dezember ist die Lutherkirche Ort des gemeinschaftlichen Singens.

Theresa Demski, Fotos: Christian Beier, Peter Meuter