Aus Liebe zum Denkmal

Jochen Siebel hat mit einem Kreis anderer Architekten die Alte Pumpstation in Haan zum Leben erweckt. Heute arbeiten nicht nur rund 100 Architekten und Ingenieure in dem geschichtsträchtigen Gebäude – es ist auch Raum für Kultur entstanden.

Die Sonne klettert gerade über den Giebel des Backsteingebäudes. Es ist fast ein bisschen unvermittelt am Rande eines Neubaugebietes aufgetaucht, ein Stück abseits der Bahnhofstraße. „Als ich zum ersten Mal zwischen diesen Mauern stand, da sah ich das große Potential“, erinnert sich Jochen Siebel und deutet auf die „Alte Pumpstation“ in Haan. Als der Architekt das Gebäude damals für sich entdeckte, da waren große Teile verfallen. Das Gebäude war lange nicht genutzt worden. Aber Jochen Siebel sagte damals zu seinen Partnern in der Firma: „Ich habe unser neues Büro gefunden.“ Er sah die Größe des Gebäudes, den eindrucksvollen Saal. Und ihm gefiel die Herausforderung, diese nasse Immobilie wieder mit Leben zu füllen. „Erstmal verliebt man sich“, sagt Jochen Siebel, „dann nimmt man den Stift zur Hand“. So ein Projekt dann zu planen, es durchzuführen und das Gebäude auch zu besitzen: Das sei eine reizvolle Aufgabe. Innerhalb von sieben Monaten hauchten die Architekten und Ingenieure dem Gebäude wieder Leben ein. „Wir hatten uns vorgenommen, das Denkmal wieder sichtbar zu machen“, erinnert sich Siebel an die Idee. Im Jahr 1878 hatte die damalige Stadt Elberfeld den Auftrag für den Bau der Pumpstation gegeben. Ein Jahr später wurde sie in Betrieb genommen – als Teil der Wuppertaler Wasserversorgung. Die Station in Haan war notwendig geworden, um den Höhenunterscheid zwischen Benrath und Vohwinkel zu überbrücken: Über eine 17 Kilometer lange Rohrleitung wurde das Rheinwasser den Berg hinauf gepumpt – und bekam in Haan neuen Schwung. 1894 wurde auch Haan an die Station angeschlossen. Rund 100 Jahre später nahm die Stadt das Gebäude in die Denkmalliste auf – als Zeugnis der industriellen Bauweise des 19. Jahrhunderts.

Im Alten Pumpwerk finden regelmäßig kulturelle Veranstaltungen wie Führungen, Konzerte und Lesungen statt.

Spuren der Vergangenheit erhalten geblieben

Damals waren Kesselhaus und Kühlturm, die für den Betrieb der Pumpen nötig waren, bereits abgerissen worden. Zuletzt hatte die Pumpstation in Haan ihren Dienst nur noch für die Notversorgung aufrechterhalten, 1986 war der Betrieb eingestellt worden. Zurück blieb das große, geschichtsträchtige Gebäude. Jochen Siebel schenkte der Immobilie mit seinen Plänen eine Zukunft – mit viel Glas, unerwarteten Baumaterialien und einem Gefühl für die Spuren der Vergangenheit. So ein Gebäude sei sensibel. Die Sanierung war ein spannender Prozess. In Abstimmung mit dem Denkmalschutz entstanden in der Alten Pumpstation moderne Büroräume – und eine Marke. Heute arbeiten rund 100 Mitarbeiter in den Architekturbüros der Alten Pumpstation. „Hier kommt jeder gerne hin“, sagt Jochen Siebel und erzählt von den gemeinsamen Mittagessen am Freitag und von jenem Moment, als das Gebäude auch zum Kulturraum wurde. „Wir sahen die Möglichkeiten und gründeten vor zwölf Jahren den Kulturverein.“ Seitdem finden in der Alten Pumpstation Konzerte und Ausstellungen statt. Kulinarische Events wie Weinproben oder Italienische Abende werden ausgerichtet. Autoren kommen zu Lesungen an den besonderen Ort. „Wir haben hier einen Raum, der einen fast kathedralen Klang ermöglicht“, erzählt Jochen Siebel. Posaunenchöre, Streicherensembles und Pianisten haben hier schon gespielt und sich über die Resonanz des Raumes gefreut. „Die Künstler spielen mit diesem Klang“, sagt Jochen Siebel. Im Juli kommt Künstler Sebastian Gahler, der elektronische Klangwelten mit spannenden Erzählungen verbindet und Elektro-, Funk- und FusionJazz der 1960- und 1970er-Jahre mitbringt. Die Fäden im Kulturverein halten die Architekten zusammen – aus ihren Reihen werden auch seit jeher die verantwortungsvollen Vorstandsposten besetzt. „Und wenn Stühle gestellt werden müssen, packen alle in den Büros mit an“, erzählt Siebel, „wir haben einfach Spaß an dieser Aufgabe“. Das zeigt sich auch, wenn die Gastgeber abends während einer Veranstaltung selbst hinter der Theke stehen und Getränke ausgeben. Oder wenn sie in der Stadt unterwegs sind und die Plakate für eine nächste Veranstaltung verteilen. „Unsere Hoffnung für die Zukunft: Dass die Besucher den Weg zu unseren Veranstaltungen finden“, sagt Jochen Siebel, „den Gast zu erreichen, das ist die größte Herausforderung unseres Kulturvereins“.

Theresa Demski, Fotos: IP Siebel, Kulturverein Haan