Petra Meis-Wachauf ist Vorsitzende des Deutschen Hotel- und Gaststättenverbandes (DEHOGA) in Solingen und Inhaberin der Gaststätte Rüdenstein. Im Interview spricht sie über die Lage der Gastronomie im Städtedreieck.
Wie ist derzeit die Situation der Gastronomen im Bergischen?
Petra Meis-Wachauf: Die Lage ist angespannt, da wir nach wie vor auf die Entscheidung der Regierung warten, ob die Mehrwertsteuer in der Gastronomie von 19 auf sieben Prozent gesenkt wird. Das wird deshalb mit so viel Interesse verfolgt, da eine Senkung der Mehrwertsteuer etwas mehr Luft beim Kalkulieren der Preise lassen würde. In den vergangenen Jahren sind die Kosten immer weiter gestiegen, und es wird nicht möglich sein, die Preise zu senken, aber man könnte so immerhin das Niveau halten. Die teils sehr hohen Lebensmittelkosten lassen nicht sehr viel Spielraum. Außerdem gilt ab dem 1. Januar 2026 ein neuer Mindestlohn von 13,90 Euro pro Stunde. Das ist zwar keine enorme Steigerung, aber der Lohn der anderen Festangestellten muss proportional angepasst werden. Denn ich kann einer Aushilfskraft, die Schüler oder Student ist, nicht verhältnismäßig mehr zahlen als einer gelernten Fachkraft.
Wie schwer ist es, an gutes Personal und Nachwuchs zu kommen?
Petra Meis-Wachauf: Als Gastronom musst du mehr als nur Arbeitgeber sein. Du musst deine Mitarbeiter pflegen und ihnen ein gewisses Mehr bieten. Gerade als kleinerer Betrieb muss man das Verhältnis persönlicher gestalten. Wir haben zudem bei uns in der Gaststätte Rüdenstein dieses Jahr wieder zwei Auszubildende. Mit einem weiteren hat es nicht geklappt. Aber die Probezeit ist ja auch dafür da, um festzustellen, ob diese Ausbildung wirklich für einen geeignet ist. Insgesamt kann ich mich nicht beschweren, dass wir unsere Stellen nicht besetzt bekommen. Aber ich muss dazu sagen, dass ich nicht viele Ausbildungsbetriebe in Solingen kenne. So viele gibt es da nicht mehr.
Nach der Corona-Zeit fehlten viele Fachkräfte in der Gastronomie. Hat sich die Lage wieder normalisiert?
Petra Meis-Wachauf: Wie in vielen handwerklichen Berufen fehlt es an Nachwuchs. Ich sehe kaum einen Installateur oder Schreiner ohne Schild am Fahrzeug, dass Mitarbeiter gesucht werden. In der Gastronomie ist die Bezahlung mitunter ein Problem: Viele fragen sich, wieso sie eine Ausbildung machen sollen, wenn sie als Aushilfskraft doch bereits Summe x verdienen. Da stimmt das Verhältnis oftmals nicht.

Inwiefern hat sich die klassische Gastronomie im Bergischen gewandelt?
Petra Meis-Wachauf: Es gibt immer weniger Restaurants mit typisch deutscher Küche, wo man – sage ich mal – am Geburtstag der Oma oder zu anderen Gelegenheiten hingeht. Viele Gastronomien bieten zwar eine schöne Location, aber das Angebot geht dann eher Richtung Convenience-Küche – dafür braucht es keinen gelernten Koch. Auf der anderen Seite gibt es aber in der Region auch Betriebe mit sehr hochpreisiger Küche. Ich vermisse aber Angebote für die breite Masse, die nicht gerade Italiener, Griechen oder so sind.
Woran liegt dieser Wandel?
Petra Meis-Wachauf: Die nächste Generation hat andere Interessen. Wer einen gastronomischen Betrieb führt, trägt eine Menge Verantwortung, muss viel arbeiten und geht ein finanzielles Risiko ein. Ich habe das große Glück, dass meine Tochter vor 15 Jahren einen gelernten Koch und Küchenchef geheiratet hat und sie die Nachfolge übernehmen werden. Viele meiner Kollegen beneiden mich darum, denn das ist wirklich nicht selbstverständlich.
Aber glauben Sie nicht, dass das Restaurant mit deutscher Küche vielleicht auch einfach nicht mehr gefragt ist?
Petra Meis-Wachauf: Nein, das denke ich nicht. Vor allem die ältere Generation kann es 30 ENGELBERTSehen Sie Potenzial für die Zukunft? sich noch leisten, zwei- bis dreimal die Woche Essen zu gehen – beispielsweise nach dem Einkaufen oder dem Arztbesuch in der Stadt. Viele von ihnen nehmen jetzt einen weiteren Weg auf sich, um bei uns zu essen. Sie wünschen sich keine 08/15-Gerichte und wollen auch mal eine Roulade oder einen Sauerbraten essen. Also die Nachfrage ist definitiv da.
Welche Rolle spielt Werbung für die Branche?
Petra Meis-Wachauf: Das Allerwichtigste ist es, einen guten Job zu machen: Wenn ich meine Gäste gut bewirte und bekoche, ist das das A und O. So etwas spricht sich herum und ist die beste Werbung. Ansonsten sollte das Marketing einfach dem Stil des Hauses entsprechen und zum Beispiel möglichst einen einheitlichen Schriftzug haben. Wir sind nicht besonders laut und reißerisch, was unsere Werbung anbelangt. Aber jeder sollte sein Marketing so gestalten, dass es zur jeweiligen Ausrichtung des Betriebes passt. Ich pflege auch gerne Kooperationen mit örtlichen Partnern aus der Tourismusbranche wie beispielsweise dem BLTM (Bergisches Land Tourismus Marketing) oder den Wanderfreunden Bergisches Land. Das neue Schloss Burg bietet ebenfalls einen tollen Ausgangspunkt für Werbung.
Gibt es auch überregionale Zusammenschlüsse?
Petra Meis-Wachauf: Es gab mal den Zusammenschluss mehrere Gastronomen unter dem Namen „Bergische Gastlichkeit“, das ist aber auch schon wieder drei bis vier Jahre her und ist leider im Sande verlaufen. Betriebe haben geschlossen, bei anderen waren die Nachfolger nicht an einer weiteren Zusammenarbeit im Netzwerk interessiert. Ich sehe aktuell auch keine Möglichkeit, das weiterzuführen. Es gab auch die „Wupper Gastlichkeit“, aber von den Betrieben ist neben uns auch kaum noch jemand übrig. Da stecke ich meine Zeit lieber in andere Dinge, denn es gibt genug zu tun.
Sehen Sie Potenzial für die Zukunft?
Petra Meis-Wachauf: Da ist ganz viel Potenzial da, auf jeden Fall. Ich sehe vor allem auch das Stadtmarketing gefragt. Wir brauchen uns nicht auf irgendwelchen Messen als Übernachtungsregion zu präsentieren. Viel mehr sollte der Ausflugstourismus in der Region in den Vordergrund gestellt und beworben werden. Denn es gibt so viele tolle Ziele, die auch wirklich gut besucht sind. Allein in Solingen und Remscheid fallen mir auf Anhieb sofort zig Sachen ein – für Wuppertal sind es noch einmal mehr! Da sollte man wirklich ansetzen, denn wir haben hier viele ausgezeichnete Wanderwege und ein super Streckennetz. Die bergischen Streifzüge, der Obstwanderweg, der quasi bei uns am Restaurant vorbeiführt zum Beispiel. Wanderer und Fahrradfahrer freuen sich, wenn sie tolle Einkehrmöglichkeiten und Ausflugsrestaurants im Grünen mit Spielplätzen für die Kinder vorfinden.
Sarah Hegemann, Fotos Christian Beier
