Hausbrauerei Zapfhaan: Pharmazeutische Präzision rezeptfrei

Was haben Arzneien und Bier gemeinsam? Auf den ersten Blick scheint das nicht viel zu sein. Doch wenn man Hobbybrauer Dr. Matthias Gorny fragt, löst sich der scheinbare Widerspruch schnell in Wohlgefallen auf.

Der promovierte Pharmazeut und Leiter der Haaner „Elefanten-Apotheke Dr. Peterseim“ folgt einer klaren Überzeugung: Wer Arzneimittel herstellen kann, kann auch Bier brauen. Diese Überzeugung hat Dr. Matthias Gorny nicht nur theoretisch, sondern auch praktisch umgesetzt und sein Hobby zur zweiten Berufung gemacht. Inmitten der Gartenstadt hat er der lokalen Bierkultur mit der Hausbrauerei Zapfhaan einen neuen, charaktervollen Ort gegeben. Die Reise vom Apotheker zum Brauer begann im Jahr 2014, als Gorny im Internet auf Anleitungen zum Hausbrauen stieß. Fasziniert von den biochemischen Prozessen, die ihm aus dem Pharmaziestudium vertraut waren, packte ihn der Ehrgeiz. Er verwandelte kurzerhand den alten Einkochkessel seiner Oma in eine Brauanlage und legte los. Sein Ziel? Ein klassisches Altbier. Das Ergebnis, erinnert er sich schmunzelnd, war köstlich, aber mit geschätzten sieben bis acht Prozent Alkohol ein unerwartet starkes Bier. Doch dieser „Unfall“ kam gut an. Freunde und Familie waren von der Geschmacksintensität begeistert und ermutigten ihn, weiterzumachen. Damit war die Leidenschaft endgültig entfacht.

Biochemisch eng verwandte Prozesse

Sein beruflicher Hintergrund erwies sich als großer Vorteil. „Die Herstellung von Bier und die von Arzneimitteln sind biochemisch engverwandte Prozesse“, sagt der Apotheker mit Hang zum Bierbrauen. „Dichte und pH-Wert einer Flüssigkeit präzise bestimmen, Temperaturstufen exakt einhalten und Gärprozesse genau steuern – all das ist für einen Apotheker tägliches Handwerk.“ Besonders das Thema Hygiene, das im Brauprozess von größter Bedeutung ist, beherrschte er aus dem Effeff. Sein blitzsauber geputzter Keller, der zur Braustätte wurde, zeugt noch heute von dieser pharmazeutischen Präzision. Anfangs braute der 43-Jährige nur für den privaten Gebrauch. Doch die Nachfrage im Bekanntenkreis wuchs stetig, und bald stieß er an die gesetzliche Grenze von 200 steuerfreien Litern pro Jahr. Statt seine Ambitionen zu drosseln, entschloss er sich, den Schritt in die Professionalität zu wagen. 2017 meldete er sein Gewerbe an und startete einen kleinen Marathon durch die deutsche Bürokratie. Auch ein Eintrag in die Handwerksrolle bei der zuständigen Handwerkskammer gehörte dazu, denn die Meisterpflicht für Brauer gibt es glücklicherweise seit 15 Jahren nicht mehr. Nach einer Investition von rund 15.000 Euro wurde sein Keller zur offiziellen Produktionsstätte, genehmigt vom Bauamt, dessen Sachbearbeiter lächelnd anmerkte: „So etwas hatten wir noch nicht.“ Fortan galten die Regeln der Profis: regelmäßige Lebensmittelkontrollen, Anmeldung beim Zoll und die akribische Führung eines Biersteuerbuches. Sein Braukeller wurde zum offiziellen Steuerlager, auf jeden verkauften Liter führt er nun Steuern ab.

Das Marketing-Talent aus der eigenen Familie

Für dieses Vorhaben fand er kreativen und organisatorischen Rückhalt in der Familie. Seine als Lehrerin arbeitende Schwester Christina Gorny entdeckte ihr Talent für das Marketing. Der geniale Name „Zapfhaan“ stammt von ihr. Eine Hommage an das Haaner Wappentier, den stolzen Hahn, der auch das Logo ziert. Sie gestaltet die Website, entwirft Flyer, pflegt die Social-Media-Kanäle und kümmert sich um den kleinen Fanshop. Gemeinsam bilden die Geschwister ein starkes Team, das die kleine Brauerei mit viel Herzblut betreibt. Finanziell, so erklärt Gorny, trägt sich das Projekt inzwischen selbst. Das Ergebnis kann sich sehen und schmecken lassen. Rund zweimal im Monat widmet sich Matthias Gorny einem Brauvorgang, der rund sechs Stunden in Anspruch nimmt. Danach reift das Bier drei bis vier Wochen. So entstehen monatlich etwa 150 Liter erstklassiger Gerstensaft. Das feste Sortiment umfasst fünf charakterstarke Sorten: ein helles Pale Ale, ein kräftigeres Alt, ein dunkles Porter, ein hopfenbetontes India Pale Ale (IPA) sowie ein Dubbel, das an belgische Klosterbiere angelehnt ist. Sein Antrieb ist klar: Er möchte der Dominanz der standardisierten Industriebiere etwas Handwerkliches und Regionales entgegensetzen. Dieser Ansatz kommt an. Die Hausbrauerei wurde kürzlich mit dem Gütesiegel „typisch neanderland“ ausgezeichnet. Das Bier ist direkt ab Brauerei erhältlich, hat aber längst den Weg in die lokale Gastronomie gefunden. So wird das Pale Ale im „Stilbruch“ in Opladen vom Fass ausgeschenkt, während die „Aprather Mühle“ in Wülfrath und „Gut Ellscheid“ in Haan wechselnde Flaschenbiere anbieten. Ein 50-Liter-Fass, das bei einem Kneipenabend gezapft wurde, war nach nur zwei Stunden leer. Der beste Beweis, dass der Apotheker mit seinem Rezept den Geschmack der Region getroffen hat.

Holger Bernert, Fotos: Zapfhaan