Wupperschlamm als Delikatesse

Den Minigolf-Platz und Kiosk in Müngsten gibt es seit 75 Jahren. Die Solinger Familie Böhm sorgt dafür, dass alles funktioniert.

Nein, ich spiele nie Minigolf – ich muss ja immer mit den Leuten töttern“, sagt Stefan Böhm lachend. Das letzte Mal hat er den Schläger selbst geschwungen, als seine Tochter Sophia noch klein war – inzwischen ist sie 25 und wohnt in Bielefeld. Wenn sie aber nach Hause ins Bergische kommt, packt sie in Müngsten mit an – wie alle Böhms seit drei Generationen. Denn der Kiosk und die Minigolf-Anlage sind Tradition, an der das ganze Herzblut der Familie hängt. Heute hat Stefan Böhm extra ein paar der alten Aktenordner mitgebracht, die er zu Hause aufbewahrt. 40 oder 50 davon hat seine Mutter Elsa in all den Jahrzehnten mit Erinnerungen gefüllt. Jedes Foto, jeder Zeitungsausschnitt über Müngsten wurde gesammelt. „Und damit bleiben auch die Erinnerungen lebendig“, sagt Stefan Böhm, der heute den Kiosk mit seiner Frau Claudia führt. Der 54-Jährige ist allerdings froh darüber, dass die Familie nicht mehr von den Einnahmen leben muss, sondern das Gelände wirklich als Familien-Hobby betreiben kann. Ein bisschen wehmütig schaut er auf die alten Zeiten. „Als mein Opa und mein Vater als kleiner Junge hier angefangen haben, war das noch eine Wiese mit einer Ziege drauf. Erst gab es nur einen kleinen Bretterverschlag, wo verkauft wurde. Dann entwickelte sich der Brückenpark aber schnell zu dem Ausflugsziel im Bergischen. Zur allerbesten Zeit gab es 13 kleinere Läden mit Andenken und Süßigkeiten, Imbissbuden und drei Restaurants.“ Später als Stefan Böhm dann in den 1970er-Jahren Jahren selbst mitdurfte, kam noch ein Märchenwald hinzu, und ein Autoscooter. „Es war ein Eldorado für uns Kinder – nirgendwo mussten wir etwas bezahlen“, sagt Böhm.

Claudia und Stefan Böhm betreiben den Kiosk in Müngsten in der dritten Generation.

Gebrannte Mandeln als Verkaufsschlager

Irgendwann wurde die gemietete Wiese gekauft und richtig bebaut. Und auch das erste Hochwasser musste man wegstecken. Im Februar 1970 war das – wiederaufzubauen war man seitdem gewöhnt. Der erste Kassenschlager: selbst gebrannte Mandeln – die gibt’s noch heute. Am 1. Mai 1968 kam dann die Minigolf-Anlage dazu. Einer von elf Plätzen, die es in Solingen damals gab. Heute sind es noch zwei – die andere ist in Glüder am Campingplatz. Aber: Die Menschen spielen Irgendwann wurde die gemietete Wiese gekauft und richtig bebaut. Und auch das erste Hochwasser musste man wegstecken. Im Februar 1970 war das – wiederaufzubauen war man seitdem gewöhnt. Der erste Kassenschlager: selbst gebrannte Mandeln – die gibt’s noch heute. Am 1. Mai 1968 kam dann die Minigolf-Anlage dazu. Einer von elf Plätzen, die es in Solingen damals gab. Heute sind es noch zwei – die andere ist in Glüder am Campingplatz. Aber: Die Menschen spielen auch heute noch gerne. Gerade kommt eine Familie mit Kindern vom Spaziergang und leiht sich Schläger und Bälle für die Bahn. „Mit den Menschen ins Gespräch kommen – darum geht es uns. Die Leute sollen sich bei uns wohlfühlen – egal, woher sie kommen“, sagt Stefan Böhm und betont die Wichtigkeit seiner Anlage als Treffpunkt. Ein Rennrad Fahrer macht Stopp am Kiosk. Er ist vollkommen mit Schlamm bedeckt. Das sieht nach einer waghalsigen Tour entlang der Wupper aus. „Der ist Stammgast und kauft sich immer eine Cola“, sagt Claudia Böhm und schmunzelt. Sie steht hinter dem Tresen und verkauft fleißig. Kaffee gibt es, kalte Getränke, aber vor allem bergische Spezialitäten wie den Burger Brezel und Zwieback. Der Top-Seller seit Jahren ist allerdings der Wupperschlamm, der 1977 von Mama Elsa Böhm erfunden wurde. Ein weicher Lebkuchen, der anlässlich des 80. Geburtstags der Müngstener Brücke so benannt wurde. Auf die Frage, was er denn bewirke, der Wupperschlamm, kam von Elsa Böhm immer die Antwort: „Der ist gut gegen Gicht, Hexenschuss, Impotenz und Frauenleiden.“ Den Namen hat sich die Familie schon vor Jahrzehnten schützen lassen. Überhaupt sei Elsa eine Frau mit einer besonderen Leidenschaft für Solingen gewesen, sagt Stefan Böhm heute über seine Mama. „Und kämpferisch. Einmal ist sie mit einer Kerze in den Stadtrat gegangen und hat gesagt: Vielleicht geht Euch mal ein Licht auf, was wir in Müngsten brauchen.“ Denn leider ging es dort immer weiter bergab mit den Jahren. Kamen in den 1970er-Jahren noch täglich Reisebusse mit Touristen, die viel Freude und auch Umsatz brachten, bringen heute viele Leute ihr eigenes Essen und die Getränke mit, sagt Böhm traurig. Die Abwechslung fehle einfach, keiner setze sich mehr für das Gelände und die Entwicklung ein.

Eine Liebe zur Heimatstadt, die von der Mutter vermacht wurde

Gerne schwelgt Stefan Böhm in alten Erinnerungen und in seiner Liebe zur Heimatstadt, die ihm von seiner Mutter mitgegeben wurde. Diese Liebe trägt er sogar auf der Haut. Der Mann, dessen Facebook-Name „Stefan Solingen“ ist, hat diverse Sehenswürdigkeiten auf seinem Arm verewigt: die Müngstener Brücke natürlich, den Balkhauser Kotten und Schloss Burg. Darüber steht: „Ming Solig“ – mein Solingen. Und ein Foto von seiner Oma Anna – das findet sich auch noch auf der Haut. Sie gehört einfach dazu. Ob auch in Zukunft das Herz der Familie weiter für den Kiosk und den Minigolf-Platz in Müngsten schlägt, das wissen Stefan und Claudia nicht – ihre Kinder sind beruflich auf anderen Wegen unterwegs. „Mal schauen, wer noch Lust hat, weiterzumachen – erstmal sind wir ja noch hier und beim ersten Sonnenstrahl sperren wir auf und verkaufen.“ Da geht auch schon wieder ein Eis über die Theke.

Die Liebe zu seiner Heimat trägt Stefan Böhm sogar auf der Haut.

Alex Giersberg, Fotos: Alex Giersberg Tim Oelbermann, Peter Meuter, Melissa Wienzek