Durch Rosen Liebe verteilen

Kult-Fußballtrainer Louis van Gaal hat den Spruch „Tod oder Gladiolen” geprägt. Bei Fatih Kurt stellt sich spätestens seit seiner Zeit als Stürmer in Remscheid hingegen die Frage „Tore oder Rosen”. Wie er beides bedient und dabei das Lebenswerk seines Vaters „Rosen-Ali“ weiterträgt, hat uns der Wuppertaler erzählt.

Wolle Rose kaufen? „Dieser Spruch begleitet mich schon mein ganzes Leben”, sagt Fatih Kurt, Sohn des in Wuppertal zum Kult gewordenen Rosenverkäufers „Rosen-Ali”. Dass dieser Satz auch nicht selten abwertend verwendet wird, stört ihn nicht. „Es ist immer Ansichtssache. Wenn man schlecht gelaunt ist, dann kann das einen schon verletzen. Aber ich sehe es so, dass mein Vater und ich Glück schenken. Wir verteilen Liebe. Und mit so einer Einstellung lacht man kurz über so einen Spruch, freut sich dann aber darüber, dass jemand der Frau oder dem Mann zu Hause eine Freude macht. Am Ende versuche ich, immer das Gute zu sehen“, sagt Fatih Kurt. Vater Ali ist seit 40 Jahren mit
großer Leidenschaft dabei. Fatih Kurt und seine beiden Brüder unterstützen ihn seit vielen Jahren, bereiten die Sträuße vor, nehmen die Lieferungen des Partners aus Holland entgegen und fahren Ali mit dem Auto auf seine abendlichen Touren durch Kneipen, Restaurants, Bars und Clubs. Eine Wuppertaler Erfolgsgeschichte eines echten Familienunternehmens. Doch trotz der vielen Arbeit neben der Schule hat Fatih Kurt eine weitere Leidenschaft – er spielt wahnsinnig gerne Fußball. Und das auch noch unfassbar gut. Als Teenager machte er in Velbert auf sich aufmerksam. Die Suche nach einem Ausbildungsplatz bremste den Vollblutstürmer jedoch aus. Zu ungewiss war die Zukunft als Profifußballer, als dass er alles auf eine Karte hätte setzen wollen.

Erst Tore, dann Rosen

Nach kurzer Pause zog es Fatih Kurt aber schnell wieder auf den Platz. Beim Cronenberger SC und beim ASV Wuppertal konnte er sich in der Landesliga beweisen und hat in der Bezirks- und Kreisliga A unter anderem auch für den SC Sonnborn und den SSV Sudberg gespielt. Was ihn bei allen Stationen auszeichnete, war sein Torriecher. Er ist einer, der weiß, wo das Tor steht und die Dinger eiskalt verwandelt. Doch während seine Mannschaftskollegen teilweise zu Top-Clubs der Region gewechselt sind, konzentrierte sich Fatih Kurt auf seine Ausbildung als Industriemechaniker. „Ich habe damals sogar eine Weiterbildung zum Roboterprogrammierer gemacht. Man
muss abwägen, was im Leben Priorität hat. Bei mir war es am Ende doch der Job. Aber darauf bin ich stolz. Und Fußball spiele ich ja trotzdem immer noch weiter – nur auf anderem Niveau.” Als er vor einigen Jahren beim Bezirksligist SC Ayyildiz, seinem Herzensverein in Remscheid, auf Torejagd ging, blieb sein eigenes Rosenbusiness kein Geheimnis. Denn längst hat er nebenher die Erfahrung, die er bei der Arbeit mit seinem Vater gesammelt hat, für sein eigenes Business genutzt. „Ich hatte bei SC Ayyildiz extrem viele Tore geschossen, und so wurde ich nach so manchem Spiel gefragt, ob ich der bin, der auch Rosen verkauft. So habe ich den Gegnern erst Tore eingeschenkt und ihnen danach noch Rosen verkauft. Das hat sich wirklich rumgesprochen. Dabei habe ich auch sehr viele liebe Menschen kennengelernt, gerade in Remscheid. Das war eine tolle Zeit.” Doch auch die tollste Zeit macht vor Top Stürmern nicht Halt. Heute spielt Fatih Kurt in fußläufiger Entfernung von seiner Wohnung bei Viktoria Rott im defensiven Mittelfeld. Mit seinen 35 Jahren ist er auf dieser Position im besten Fußballer-Alter. Fatih Kurt hatte schon immer mehrere Baustellen im Leben. Neben Fußball und Festanstellung als Maschinenführer bei 3M in Hilden unterstützt er weiterhin seinen Vater bei seinem Rosengeschäft. Und weil ihm das so viel Spaß macht, hat er inzwischen sein eigenes Business gegründet und bindet aufwändig gestaltete Rosenbouquets für besondere Anlässe
wie Heiratsanträge. Als „rosen_fatih” bietet er über Instagram seine Kunstwerke aus frischen Rosen aus Holland an und garantiert neben hoher Qualität auch beste Preise. „Ich mache das nicht, um reich zu werden. Wie mein Vater möchte ich Menschen glücklich machen, Liebe schenken“, sagt Fatih Kurt.

„Rosen-Ali“ (Mitte), „Rosen-Fatih“ und seine Frau Sevilay

Werte, die weitergetragen werden

Er erinnert sich an eine gemeinsame Fahrt mit Vater Ali. „Ich sah aus dem Auto, dass ein Mann meinem Vater zwei Euro in die Hand gedrückt hatte, aber keine Rosen wollte. Mein Vater hat mir danach erklärt, dass er
dem Mann, der ihn offensichtlich für bedürftig hielt, nicht nur zwei seiner Rosen geschenkt, sondern ihm auch die zwei Euro zurückgegeben hat.” Die Rosen waren und sind nach wie vor sein Business. Und wer Geld gibt, der bekommt einen Gegenwert. So hat es der Sohn vom Vater gelernt und übernommen. „Rosen-Ali“ sei schon ein ganz besonderer Mensch. Das merkt man, wenn Fatih Kurt über seinen Vater spricht. „Was uns reich macht, ist unsere Familie, unsere Freunde und unsere Bekannten. Das hat mein Vater mir immer wieder gesagt. Egal, wo er aufgetaucht ist, in jeder Kneipe, in jedem Restaurant, in jeder Bar hatte er Freunde, die ihn herzlich begrüßt haben, sobald er den Raum betrat. Er hat ungelogen rund 1000 Kontakte in seinem Smartphone“, berichtet Fatih Kurt. In Wuppertal kennt „Rosen-Ali“ eben fast jeden. Sein privates Glück hat der 35-Jährige mit seiner Frau Sevilay gefunden, mit der er aktuell ein Haus aus den 1970er-Jahren kernsaniert. Von Vorteil ist sicher, dass sie unter dem Namen „interior.sue” als Influencerin im
Bereich Inneneinrichtung aktiv ist. Dort dokumentiert sie unter anderem die Bauarbeiten an der gemeinsamen Baustelle. Als Familienmensch legt er großen Wert auf den Zusammenhalt und pflegt den Kontakt zu seinen Brüdern sowie zu den Kindern seines Vaters, die er mit seiner neuen Partnerin nach der Trennung von Fatihs Mutter mit in die Familie gebracht hat. Für ihn fühlt sich das nach der wilden Fahrt zwischen Berufs- und Fußballwelt endlich an wie ein Ankommen.

Micha Walmsley