Für mehr Leichtigkeit in der Welt

Die Solinger Sängerin Leonora Huth machte im vergangenen Jahr beim ESC-Vorentscheid mit. Mittlerweile ist sie auf eigene Tour gegangen und arbeitet am ersten Album. Sarah Hegemann befragte und fotografierte die 25-Jährige für ENGELBERT im neuen Solinger Szenetreff Urban Utopia, wo sie am 5. Juli auftreten wird.

Leonora, wieso hast Du eigentlich Urban Utopia als Treffpunkt für unser Interview vorgeschlagen?

„Wir sind hier auf dem Grossmann-Gelände, auf dem im vergangenen Sommer drei Wochen lang ein Festival stattgefunden hat. In der großen Halle herrscht gerade Chaos, aber Du musst es dir so vorstellen: Da wurde eine große Bar aus den Sachen und Materialien, die auf dem Gelände herumlagen, zusammengezimmert. Es gab eine Bühne, eine Ecke einfach zum Chillen und Tischtennisplatten. Alles war eventmäßig beleuchtet. Es gab eine große LED-Wand und eine Sound-Anlage. Und hier hat wirklich jeden Tag irgendwas stattgefunden. Die Kulturvereine haben ein Programm auf die Beine gestellt. Es gab Partys, und ich habe ein Konzert gespielt. Urban Utopia ist einfach ein super spannender Ort, der diesen Industrie-Vibe hat. Menschen kommen zusammen, es gibt ein sehr breites Angebot an Kultur – und das alles kostenlos. Demnächst sollen hier noch ein Café, ein Atelier und Proberäume entstehen. Ich werde zusammen mit Frodo, einem Kollegen aus der Band, hier in den Proberaum gehen.“

Das heißt, obwohl du jetzt mittlerweile in Köln wohnst, ist Solingen weiterhin dein Schaffensmittelpunkt?

„Ja, ich komme auf jeden Fall immer wieder hierhin zurück, auch weil meine Familie hier lebt. Das heißt, ich bin jede Woche mindestens einmal in Solingen. Was das musikalische, kreative Schaffen anbelangt: Eine meiner zwei engsten Bezugspersonen lebt hier. Ich bin nicht an einen Proberaum gebunden, um zu spielen und zu schreiben. Aber mit einer Band braucht man mehr Platz. Und am besten ist ein Ort, der einem so ein bisschen Spaß macht. Keinen Keller oder Bunker ohne Fenster und Tageslicht.“

„Die ESC-Teilnahme hat mir ganz viele Türen geöffnet.“

Der ESC-Vorentscheid liegt mittlerweile über ein Jahr zurück. Würdest du sagen, dass du musikalisch vorangekommen bist, auch wenn es damals nicht geklappt hat, für Deutschland anzutreten?

„Ja, das würde ich auf jeden Fall sagen. Die Teilnahme am ESC-Vorentscheid hat mich in kürzester Zeit natürlich bei ganz vielen Leuten bekannt gemacht. Und wenn ich da drüber nachdenke, wie viele Leute eigentlich die Shows gesehen haben, ist das der Wahnsinn. Es waren um die vier Millionen Zuschauer. Ich bin froh, dass ich mit meiner Musik aufgetreten bin. Ich habe den Leuten meine Songs und meine Stimme präsentiert und bin trotzdem bei mir geblieben und habe auf mein Bauchgefühl vertraut. Die Teilnahme hat mir ganz viele Türen geöffnet, ich habe sehr viele coole Leute kennengelernt und konnte auf meine erste eigene Deutschland-Tour gehen. Ich habe in kleinen Clubs überall in Deutschland gespielt, und überall kamen Leute, die mich kannten. Und ich habe jetzt eine Fernsehproduktion-Erfahrung, das stand auch auf meiner Bucket-List. Ich könnte mir sogar vorstellen, mal als Sängerin in einer Fernsehband oder als Backgroundsängerin aufzutreten.“

Hast du auch den deutschen Vorentscheid in diesem Jahr verfolgt?

„Selbstverständlich – ganz bequem allein von meiner Couch aus. Es haben auch ein paar Bekannte von mir mitgemacht. Und wenn man schon einmal selbst dabei gewesen ist, sieht man das Ganze mit etwas anderen Augen und fiebert anders mit.“

Was würdest du sagen, war der krasseste Moment, den du vielleicht ohne die ESCSache nicht erlebt hättest?

„Das ist eine gute Frage. Also es ist auf jeden Fall verrückt, dass ich bei meinen Shows Leuten begegne, die mich aus dem Fernsehen kennen und die plötzlich meine Lieder auswendig kennen. Was auch sehr goldig war: Mich haben eine Handvoll Mamas angeschrieben und nach Autogrammen oder Grußbotschaften für ihre Kinder zum Geburtstag gefragt. Fans zu haben, ist schon irgendwie sehr krass!“

Beschreib mal deine Musik für alle, die dich noch nicht kennen.

„Also meine persönlichen musikalischen Inspirationen sind große weibliche Stimmen – Adele, Alicia Keys – so dieses Kaliber an Stimmen. Vom Style her stehe ich total auf Dua Lipa, Bruno Mars, Anderson Park, Lizzo. Alles was so groovy, ein bisschen soulig und ein bisschen funky ist. Ich mache hoffnungsvolle Musik, die einen bewegt, wirklich physisch zum Tanzen anregt, und zugleich eine gewisse Tiefe in der Stimme hat.“

„Meine Musik soll Positivität ausstrahlen.“

Wie sieht es mit den Texten aus? Worüber schreibst du?

„Ich bin oft inspiriert von Dingen, die mir selber oder Menschen um mich herum passieren. Das Thema Selbstfindung bewegt mich, wahrscheinlich weil man mit Mitte 20 in einer sehr veränderungsreichen Phase steckt. Ich schreibe aber auch darüber, einfach nur eine gute Zeit zu erleben und Spaß zu haben. Ich persönlich habe schwere Zeiten erlebt, als ich vor einigen Jahren meinen Vater und meinen Stiefvater verloren habe. Das Thema Trauer bewegt mich täglich. Ich versuche, das alles irgendwie zu verbinden und in ein hoffnungsvolles Gewand zu bringen. Ich versuche eher Positivität auszustrahlen. Es gibt genug Weltschmerz und Sachen, die uns runterziehen. Ich glaube, wir brauchen noch ein paar mehr Sachen, die uns da wieder rausholen.“

Du arbeitest aktuell an deinem ersten Album. Wann wird es erscheinen?

„Ich bin noch am Anfang und schreibe viel. Es gibt ein paar Lieder, die ich bereits live gespielt habe und die es auf das Album schaffen werden. Ich werde mich im September mit meinem Freund, der auch mein Produzent ist, im Studio einschließen. Und dann dauert es hoffentlich nicht mehr so ewig lang. Im Frühjahr 2027 sollte das Album dann erscheinen.“

Du studierst mittlerweile Musik. Wie kam es dazu?

„Ich studiere Jazz und Popmusik in Köln und bin hauptberuflich Musikerin. Ich spiele und singe in verschiedenen Projekten und unterrichte auch ein bisschen. Nach dem Abi habe ich ursprünglich ein Lehramtsstudium begonnen. Dann kam die Pandemie, und das Studieren war nicht mehr so, wie man es sich vorstellt. Und obendrein kamen dann noch die zwei eben erwähnten Schicksalsschläge innerhalb von sechs Monaten. Das hat mir ziemlich den Boden unter den Füßen weggerissen. In der Zeit haben Frodo und ich – wir kannten uns noch aus der Schulzeit – angefangen, zusammen ganz viel Musik zu machen. Und zwar genau diese energetischere Musik. Denn ich dachte, wenn ich jetzt anfange, Balladen zu schreiben, dann reite ich mich da selber rein. Das hat mich aus dem Loch herausgeholt. Mein Studium habe ich sehr schleifen lassen. Ich konnte mir überhaupt nicht mehr vorstellen, in einer Schule Englisch zu unterrichten. Ich wollte voll und ganz Musikerin sein. Also habe ich beschlossen, das auch richtig zu lernen, um selbstbewusst von mir behaupten zu können, ich mache das professionell, ich kann das.“

Fotos: Sarah Hegemama Fotografie