Ein schwarzer Zwerg mit goldener Nase hält Wache zwischen echter Ware und dreister Kopie. Er ist das Symbol einer Initiative, die seit 50 Jahren gegen Ideendiebstahl kämpft und das Museum Plagiarius im Solinger Südpark betreibt.
Christine Lacroix zieht ein Babyfläschchen aus dem Regal. Es sieht aus wie das Original. Gleiche Form, gleiche Farbe, fast gleicher Schriftzug. Nur die beiden letzten Buchstaben verraten den Betrug. Das eine heißt AVENT, das andere AVEAT. Die zweite Vorsitzende des Vereins Das Museum Plagiarius gilt als „Haus der Fälschungen“. Museum Plagiarius präsentiert diesen Vergleich bei jedem Rundgang. Seit 2007 stellt das Museum im Solinger Südpark mehr als 350 Originale neben ihre Fälschungen. Wer glaubt, Fälscher würden nur bei Luxusuhren zulangen, irrt sich. In der Klingenstadt stehen neben Autofelgen, Wasserkochern und Spielzeugbaggern auch Kniebandagen und Messersets in den Vitrinen. „Die Detailtreue, mit der professionelle Nachahmer Markenprodukte kopieren, ist erschreckend“, sagt Christine Lacroix. Allerdings verrate die minderwertige Qualität vieler Fälschungen den Betrug auf den ersten Blick.
Für sie ist Produktpiraterie kein Kavaliersdelikt, sondern knallharte Wirtschaftskriminalität und Gefährdung der Verbraucherinnen und Verbraucher.
Ein Negativpreis mit schwarzem Zwerg
Vor fast 50 Jahren entdeckte Rido Busse auf der Frankfurter Frühjahrsmesse das Plagiat einer Briefwaage. Die Hülle war kopiert, die Technik im Inneren billiger Schrott. Der Industriedesigner reagierte mit einem Negativpreis, dessen Trophäe ein schwarzer Zwerg mit goldener Nase ist. Die goldene Nase steht für die Profite, die Ideendiebe auf Kosten der Kreativen einstreichen. Im Februar 2026 wurde der Preis zum 50. Mal auf der Konsumgütermesse Ambiente in Frankfurt vergeben. Auf dem ersten Platz landeten Fälscher aus der chinesischen Provinz Zhejiang. Sie kopierten Babyflaschen des Herstellers Philips und verkauften sie für ein Fünftel des Originalpreises. Dass der Kunststoff für Säuglinge taugt, bezweifelt die Jury. Die Dimensionen des Problems sind gewaltig. Im Jahr 2024 beschlagnahmten Zollbehörden in der EU mehr als 112 Millionen gefälschte Artikel: Gesamtwert rund 3,8 Milliarden Euro. In Deutschland treffen nach Berechnungen des Markenverbandes jede Woche rund 144.000 Pakete mit Fälschungen ein. Der Schaden für die Original- Hersteller liegt bei rund acht Milliarden Euro pro Jahr. Hinzu kommt ein Strukturproblem, das durch 3D-Druck und KI wächst: Im Jahr 2024 trafen täglich zwölf Millionen Kleinsendungen aus Drittstaaten in der EU ein. Über Temu, Shein oder Alibaba landet die Ware direkt im Briefkasten, oft ohne Zollkontrolle. Solche Bestellungen soll jetzt ein Pauschalzoll von drei Euro pro Kleinsendung unattraktiver machen.
Skrupellos und gefährlich


Besonders heikel sind gefälschte Medikamente. Wer eine Pille schluckt, in der kaum Wirkstoff steckt, riskiert sein Leben. Die im Museum ausgestellten Motorsägen ohne Bremse und Beatmungsgeräte mit defekten Ventilen demonstrieren die Skrupellosigkeit der Fälscher. Auch das Wülfrather Unternehmen Puky, das in Werkstätten der Lebenshilfe montieren lässt, kämpft gegen chinesische Nachahmer. „All diese Fälle zeigen, wie rücksichtslos die Plagiatoren agieren“, ordnet Christine Lacroix ein. Gleichzeitig meldet das Amt der Europäischen Union für geistiges Eigentum EUIPO einen Rekord: 327.735 neue Schutzrechtsanmeldungen gingen 2025 ein, mehr als je zuvor seit 1996. Christine Lacroix dreht das AVEAT-Fläschchen um. Sie hat Fotos der Fälscherwerkstätten gesehen und bezweifelt, dass die Fläschchen BPA-frei und sicher sind. In Führungen gibt es spannende Tipps und Hintergrundinformationen rund um Original und Fälschung.
Info
Öffnungszeiten:
Fr. 9.30 bis 13 Uhr und 13.30 bis 17 Uhr sowie Sa. und So. 13 bis 17 Uhr
Eintritt:
Erwachsene: 4 Euro | Kinder und Jugendliche bis 18 Jahre: kostenfrei
Holger Bernert, Fotos: Michael Strahlen & Holger Bernert
