Bei unzähligen Gartenbauprojekten unserer Region ist die Bergische Grauwacke die erste Gestaltungswahl. ENGELBERT folgte den Wanderwegen der Bergischen Streifzüge und begab sich zum Ursprungsort nach Lindlar auf die historischen Pfade der Steinhauerkultur und zum ältesten Wald der Welt.
Es war eine archäologische Sensation, als der renommierte Wuppertaler Geologe Peter Giesen im Jahr 2008 in einem Lindlarer Steinbruch den „ältesten Wald unserer Erde“ entdeckte. Es handelt sich um Versteinerungen von Urfarnen, die bereits kleine Wälder bildeten. Rund 390 Millionen Jahre alt sind die Fossilienfunde, die aus der Ära des Mitteldevons stammen, also lange bevor die ersten Dinosaurier unseren Planeten bevölkerten. Damals lag Lindlar an einem warmen, tropischen Meer. Der Wald wurde vermutlich durch einen Tsunami ins Meer gespült, mit Sand und Schlamm überdeckt und so bis heute konserviert. Heute ist der einzigartige Fund, der versteinerte, zwei bis drei Meter große Calamophyton, das Prachtstück des Bergischen Grauwacke-Museums in Lindlar. Bereits seit rund 250 Jahren kommen Gesteins- und Fossilienforscher an diesen Ort. Wer sich als Laie für diese „alten Steine“ interessiert, kann auf dem sehenswerten, 5,6 Kilometer langen „Steinhauerpfad“, einem der 25 Bergischen Streifzüge, viel über die Grauwacke erfahren oder unter fachkundiger Anleitung selbst den Hammer schwingen und steinerne Zeugnisse vergangenen Lebens entdecken. Organisiert wird die Fossiliensuche von Lindlar Tourismus. Start und Ziel der Wanderung befinden sich am Lindlarer Marktplatz.
Bewegte Geschichte der Grauwacke


In den Lindlarer Steinbrüchen wird seit mehr als 1000 Jahren Grauwacke, ein graubraunes bis graugrünliches Sedimentgestein, abgebaut und verarbeitet, das sich durch seine Druckfestigkeit und seine geringe Verwitterungsanfälligkeit besonders auszeichnet. Grauwacke wird heute zur Herstellung von Bodenplatten, Fenstergewänden, Mauer- und Pflastersteinen und für Bahntrassen-Schotter genutzt. Außerdem ist der Absatz von geschliffenen Platten für den Einbau in edlen Bädern oder als Küchenarbeitsplatten in den letzten Jahren erheblich angestiegen. Zahlreiche historische Gebäude in und um Lindlar sind ebenfalls mit Grauwacke erbaut, das bekannteste und sichtbarste Beispiel dafür ist die katholische Pfarrkirche St. Severin im Herzen des Ortskerns, deren älteste Teile aus dem 12. Jahrhundert stammen. Bereits in der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts kamen Steinmetze von weit her, um in Lindlar zu arbeiten. Denn bereits um das Jahr 1700 sind in Lindlars Taufbüchern Steinmetzmeister aus Bayern, Frankreich und der Eifel erwähnt. Um füreinander einzustehen und sich dem Schutz des Patrons der Steinhauer und Maurer zu empfehlen, schlossen sich die Lindlarer Steinhauer bereits früh zusammen, denn schon 1706 wurde die Sankt-Reinoldus- Steinhauergilde gegründet, die auch heute noch im sozialen, kulturellen und gesellschaftlichen Leben der Stadt eine wichtige Rolle spielt. Im Jahr 1824 wurde eine Bruderschaft ins Leben gerufen, die kranke Kollegen und Hinterbliebene von Verstorbenen unterstützen sollte. Diese war damit ein Vorläufer moderner Krankenkassen und Lebensversicherungen. Denn damals war die Arbeit in den Steinbrüchen eine echte Knochenarbeit und mit großen Gefahren verbunden. Zunächst mussten die Steinblöcke in mühevoller Handarbeit – teils auf Knien hockend – Meter für Meter abgehauen, gespalten und dann durch die „Steeneklopper“ in Platten oder auch Schottersteine und Splitt zerkleinert werden. Zehn bis zwölf Stunden betrug die Arbeitszeit, die meist schon um 5 Uhr morgens begann. Weil die Arbeit im Steinbruch sehr gefährlich war, wurden viele Steinbrucharbeiter kaum älter als 30 Jahre, da ihre Lungen durch das Einatmen von Steinstaub schwer geschädigt waren. Deshalb war Lindlar noch im 19. Jahrhundert auch als „Dorf der Witwen und Waisen“ bekannt. Den Tod durch Silikose (Staublunge) konnte der Chefarzt am Lindlarer Krankenhaus, Dr. Wilhelm Meinerzhagen, erst 1930 durch die Obduktion verstorbener Steinhauer medizinisch nachweisen. Durch seinen engagierten Einsatz erreichte er bei der Regierung in Berlin, dass die Steinhauer unter das damalige Rentengesetz fielen und die Familien der an Silikose Verstorbenen Renten erhielten. Obwohl sich die Arbeitsbedingungen in den Steinbrüchen durch die Einführung moderner Arbeitsschutzmaßnahmen und den Einsatz moderner Technik inzwischen deutlich verbessert haben, werden auch heute noch alle Steinbrucharbeiter in Lindlar regelmäßig auf Silikose untersucht.
Transport der Grauwacke über eine „Bremsbahn“
Seit den 1950er-Jahren erhielt moderne Technik in den Steinbrüchen Einzug. Packlagen, Schottersteine und Splitt wurden jetzt nicht mehr von „Steenekloppern“ in mühevoller Kleinarbeit, sondern durch große Brecheranlagen hergestellt. Die Steinsägen sind mittlerweile ebenso computergesteuert wie große Schleifmaschinen, mit denen Platten unterschiedliche Oberflächen verliehen werden können. Inzwischen sind zu Steinmechanikern ausgebildete Fachkräfte, die sich im Umgang mit den modernen Maschinen auskennen, mehr gefragt als Steinmetze. Auch der Transport der Grauwacke war etwas Besonderes. Seit dem Mittelalter wurde das schwere Gestein mühsam mit Pferdewagen befördert, wobei die großen Höhenunterschiede des zwischen 110 und 376 Meter hoch gelegenen Lindlars und seiner Umgebung zu bedenken sind. Als die Stadt 1912 einen eigenen Bahnanschluss an die Strecke über Immekeppel und Rösrath nach Köln erhielt, konnten die Steine über eine Standseilbahn, die so genannte „Bremsbahn“, von den Abbaugebieten im Ortsteil Brungerst direkt zur Verladung an den Lindlarer Bahnhof gebracht werden. Zwar wird der frühere Bahnhof, von dem täglich zwei Güterzüge nach Köln rollten, um die Lindlarer Grauwacke abzutransportieren, seit 1966 nicht mehr genutzt und die Gleise demontiert, doch lohnt heute allein der Anblick des schmucken Gebäudes, das heute der Firmensitz eines lokalen Transportunternehmens ist. Heutzutage gibt es immer noch drei aktive Steinbrüche in Lindlar, nachdem es hier einst mehr als 100 Tagebaubetriebe gegeben hat.

Ernst Leiste, Fotos: Ernst Leiste
www.bergisches-wanderland.de
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