Eine Fabrik wird zum Schmuckstück

Hier weht noch der Wind vergangener Zeiten: In der Feilenfabrik Ehlis zwischen Remscheid und Wermelskirchen ist ein besonderer Ort entstanden. Er bietet eine Reise in die bergische Industriegeschichte und entwickelt sich zugleich als Eventlocation.

Über den Eschbach führt an dieser Stelle in Schlepenpohl eine alte, schlichte Steinbrücke. Der schmale Bach plätschert leise. Und die Türen der Feilenfabrik Ehlis stehen weit offen. Die Uhr an dem alten Gebäude ist längst stehen geblieben. Und so fühlt sich auch der Schritt über die Schwelle des Gebäudes an, als würde man in ein anderes Jahrhundert eintauchen, Fotos: Andreas Dach Blick auf die altehrwürdige Feilenfabrik Ehlis als würden noch Feilenhandwerk und Tradition diesen besonderen Ort prägen. „Aber hier ist in den vergangenen Jahren viel passiert“, sagt Andreas Frie. Er ist heute als Gebäudemanager im Einsatz und engagiert sich im Förderverein der Feilenfabrik. Und wer sich ein bisschen Zeit für einen ausgiebigen Rundgang durch die alten Ziegelbauten nimmt, der erkennt den Geist der Vergangenheit, aber auch die Möglichkeiten der Gegenwart und vor allem die große Liebe zum Detail, die die neuen Besitzer eingebracht haben. Zehn Jahre nach dem Tod des letzten Feilenhauers Horst Ehlis ist in der alten Feilenfabrik ein Museum entstanden und gleichzeitig ein Ort zum Erinnern, Begegnen und künftig auch zum stilvollen Feiern. „Hier wurde 2014 die letzte Feile produziert“, sagt Andreas Frie, als er in der alten Produktionshalle steht, die weniger einer Halle als vielmehr einer großen Werkstatt gleicht. 1897 hatte Ernst Ehlis die Falkenrath’sche Werkzeugfabrik im Eschbachtal übernommen und hier die Feilen- und Raspenproduktion angesiedelt. Nach ihm übernahm sein Sohn Walter und ließ 1923 eine Wasserturbine einbauen, mit der elektrischer Strom erzeugt werden konnte. „Wir können heute im Gebäude erkennen, wie die Fabrik Stück für Stück gewachsen ist“, erzählt Andreas Frie und deutet auf die ineinander verschachtelten Gebäudeteile.

Andreas Frie (l.) und Tobias Riemann feilen weiterhin an der Erhaltung des Gebäudekomplexes als Ort zum Entdecken, Lernen und Feiern.

Unzählige Original-Exponate

Nach dem Tod von Horst Ehlis stand das traditionsreiche Gebäude im Eschbachtal zum Verkauf. Thomas Abbas, Volker Haak und Walter Pricken – selbst verbunden mit der Region und dem Handwerk – entdeckten die Immobilie und bekamen den Zuschlag. „Und von Anfang an war ihnen wichtig, diesen Ort zu erhalten. Es ging nie darum, hier das große Geld zu verdienen“, erzählt Frie. Stattdessen investierten die neuen Inhaber: Als Erstes wurde das undichte Dach erneuert. „Dann haben wir aufgeräumt“, berichtet Andreas Frie. Die Filmindustrie hatte dort gleich für zwei große deutsche Filme gedreht und ihre Spuren hinterlassen. Einen fertigen Plan für die Fabrik brachten die neuen Besitzer nicht mit, stattdessen erste Ideen und die Offenheit, Zukunft zu entwickeln. „Unser großes Glück war es, dass Horst Ehlis ein Sammler war“, sagt Andreas Frie. Unzählige alte Feilen, Maschinen und Dokumente tauchten in dem Gebäude auf. „Unsere Aufgabe war es, dieses Material für die Nachwelt zu retten und anschaulich zu machen“, sagt Frie. Dafür gründete sich ein Förderverein, in dem viele Menschen Mitglied wurden, die einen eigenen Bezug zum Gebäude hatten: Handwerker, Zulieferer, Freunde der Familie Ehlis und Menschen aus der Region. Sie steuern auch heute noch ihr Wissen bei – und ihre Liebe zum Handwerk. „So ist hier ein Ort entstanden, der heute Remscheider Industriegeschichte erzählt“, sagt Andreas Frie. Die alte Wasserturbine läuft wieder. Auch andere Maschinen wurden wieder flott gemacht, sodass heute vor den Augen der Besucher Feilen gehauen und geprägt werden können. Schautafeln erzählen die Geschichte der Familie, der Feilen und der Fabrik – mit QR-Codes, Hörbeiträgen und Videos. Wer weiter spaziert, entdeckt in einem Raum den alten Messestand der Fabrik. Im nächsten Raum finden Besucher unzählige Feilen in alten Regalen, und noch weiter können sie einen Blick in das alte Büro von Horst Ehlis werfen. Dort entdecken sie das Fahrtenbuch, die alte Schreibmaschine und Stempel. „Bis zum Ende hat hier kein Computer gestanden“, erzählt Frie.

Seele des Bergischen nachempfinden

Der Rundgang endet dort, wo er begonnen hat: an der Theke in der großen Halle, die früher der Packtisch war. Und genau dort sind ganz neue Ideen entstanden. Schließlich sei man lange noch nicht fertig mit der Entwicklung dieses Ortes. „Das Licht hier ist einfach unbeschreiblich“, erzählt Tobias Riemann, Mitbetreiber und Fördervereinsmitglied der Feilenfabrik. Das haben bereits viele Künstler für sich entdeckt. So haben schon erste Foto-Shootings und Ausstellungen stattgefunden. Und die Volkshochschule ist hier regelmäßig mit Kunstkursen zu Gast. „Im Grunde ist hier fast alles möglich“, sagt Riemann. Entwickler heimischer Unternehmen, die in diese besondere Atmosphäre eintauchen wollen, um neue Produkte zu designen, seien genauso willkommen wie Fotografen oder andere Künstler. Künftig sollen hier auch vermehrt Feste oder Seminare stattfinden können. „Alles, was diesem besonderen Ort gerecht wird“, sagt Riemann, der selbst aus der Gastronomie kommt und ein fertiges Konzept mitbringt. Die entsprechenden Lärm- und Brandschutzgutachten dafür liegen bereits vor. Schon jetzt sind die Türen für die Geschichts- und Heimatfreunde weit geöffnet, jeden vierten Sonntag im Monat von 14 bis 17 Uhr bei freier Begehung und jeden zweiten Sonntag von 14 bis 17 Uhr mit Führungen. Die Feilenfabrik nahm im September auch am „Tag des offenen Denkmals“ teil. Dann spazierten die Besucher durch die alt ehrwürdigen Mauern, lauschten der Wasserturbine, beobachteten die Maschinen und spürten die Seele des Bergischen Landes.


www.feilenfabrik.com


Theresa Demski, Fotos: Theresa Demski