Tore für die Region

Kein anderer Verein verbindet das Bergische so erfolgreich und nachhaltig wie der Bergische Handball-Club, kurz BHC. ENGELBERT besuchte die Macher hinter der Erfolgsgeschichte im neuen Trainingszentrum in Radevormwald.

Der 19. April 2026. In Köln findet das Pokalfinale statt – der Bergische HC und die Füchse Berlin stehen sich vor annähernd 20.000 euphorisch gestimmten Zuschauern in der Lanxess Arena gegenüber. Vor den Fernsehbildschirmen fiebern sage und schreibe 15 Millionen Handballfans mit. Wer hätte vor 20 Jahren gedacht, dass der BHC ein mal vor vielen Menschen spielen würde“, fragt BHC-Geschäftsführer Sport Jörg Föste. Und beantwortet sich die Frage selbst: „Niemand!“ Wie auch? Als der Bergische HC vor zwei Jahrzehnten durch den Zusammenschluss von SG Solingen und LTV Wuppertal entstand, war das eher eine Zweckgemeinschaft. Die SG hatte mit Ach und Krach die 2. Liga gehalten, der LTV war abgestiegen. Es hatte Sinn gemacht, die Kräfte zu bündeln: Die einen hatten die Lizenz, die anderen die Partner. Also sollte da etwas gehen. Etwas? Was folgte, hat etwas von einer märchenhaft anmutenden Erfolgsgeschichte. Dabei steckte immer Kalkül hinter dem Erfolgsprodukt. Es entstand schnell eine Einheit, und der Bergische HC gehört auf der deutschen Handball-Landkarte längst zu den etablierten Clubs. Er wird bundesweit geschätzt, respektiert und vereinzelt auch gefürchtet. Inzwischen ist er auch in Europa angekommen, spielt durch Platz zwei im Pokal (das Finale gegen Berlin wurde verloren) in der European League. Die internationale Premiere für die Löwen, wie sie genannt werden.

Abstiege gehörten zur Entwicklung

Sie haben immer ihre Zähne gezeigt während der 20 Jahre. Aber mit Bissigkeit alleine war es nicht getan. Es gehörte Bodenständigkeit und Weitsicht gleichermaßen dazu. Und die Bereitschaft, Rückschläge als Ansporn zu nehmen, Dinge zu verändern. Zu verbessern. Anzupassen. Es gab reichlich Höhen und auch einige Tiefen. Als 2011 erstmals der Sprung in die Bundesliga gelang, sollte dies ein kurzes Gastspiel sein. Aber der Club leckte Blut, wollte sich dauerhaft in der stärksten Liga der Welt einnisten. Das gelang nicht immer. Abstiege gehörten zum Entwicklungsprozess. Trotz großer Namen wie Stefan Adam, Sebastian Hinze, Viktor Szilagyi, Max Darj und Linus Arnesson, die den BHC auf unterschiedlichen Ebenen prägten. Alle zu ihrer Zeit. Inzwischen ist der Bergische HC zum vierten Mal Bundesligist, wird von Markus Pütz und Arnor Gunnarsson erfolgreich trainiert. „Man muss mit beidem leben“, sagt Siegfried Knapik. „Mit Erfolg und mit Misserfolg.“ Der Betreuer ist ein Urgestein, ist von Anfang an dabei. Er hat alles erlebt, könnte aus dem Nähkästchen plaudern, doch tut es nicht. Beim BHC lebt man eben auch davon, dass Interna intern bleiben. Eines der Erfolgsrezepte. Eigentlich wollte der Ehrenamtler nach der abgelaufenen Spielzeit in den wohlverdienten Ruhestand gewechselt sein. Doch dann kam der Pokal dazwischen. Die Qualifikation für Partien auf europäischer Ebene. „Das will ich mir nicht entgehen lassen“, sagt der 82-Jährige lächelnd. Schwupps hat er noch ein Jährchen drangehängt. Die Heimspiele auf Europa-Ebene werden in der Klingenhalle ausgetragen. Ein zusätzlicher Reiz für ihn. Ist er doch Solinger.

Der BHC wurde zur Marke

Zurück zur Entstehung des BHC. War die Namensgebung vor 20 Jahren schon von einer ganz besonderen Vorahnung geprägt? „Das lag doch auf der Hand“, sagt „Erfinder“ Jörg Föste heute. „Wir wollten eine ganze Region mit Profisport aufladen.“ Und das ist gelungen. Davon abgesehen: Wuppingen oder Solingtal wären werbetechnisch wahrscheinlich nicht sonderlich erfolgversprechend gewesen. Inzwischen ist der Bergische HC eine Marke. Mit einer Strahlkraft weit über Wuppertal, Solingen und Remscheid hinaus. „Wir sehen uns als Vorreiter einer bergischen Zusammenarbeit“, sagt Föste. Die Sympathiewerte in der Region sind enorm. Bei Heimspielen in der Wuppertaler Uni-Halle oder der Düsseldorfer Mitsubishi Electric Halle ist das Publikum bunt gemischt. Längst nicht nur Handballfreunde ausden Großstädten hocken auf der Tribüne. „Die Anrainerstädte gehören dazu“, verdeutlicht Föste, dass der BHC längst auch in den bergischen Kleinstädten angekommen ist. Es hat sich enorm viel getan in den 20 Jahren, in denen der BHC mehrheitlich in der Bundesliga gespielt hat. So wird inzwischen die Hälfte des Umsatzes außerhalb des bergischen Städtedreiecks generiert. Gerade erst im Sommer hat der Verein seinen professionellen Trainingsbetrieb nach Radevormwald verlegt und im Sport- und Seminarcenter eine neue Heimat bezogen. Damit ist das Leistungszentrum an der Solinger Kanalstraße für den Bundesligisten Geschichte. Mit Betreiber Michael Kölker hatte es keine Einigung zur Vertragsverlängerung gegeben. Die Bestrebungen, in Solingen oder Wuppertal einen anderen Standort zu finden, waren nicht von Erfolg gekrönt. So wurde es Radevormwald. Der Kontakt war über Rades Bürgermeister Dejan Vujinovic und Dennis Blaschke, Cluster Manager des Sport- und Seminarcenters, zustande gekommen.

Saisonheimauftakt gegen Flensburg (29:34) mit dem sprunggewaltigen Linksaußen Lukas Becher

Rade macht die Löwen fit

Längst hat sich der BHC dort eingelebt. Jörg Föste stellt heraus: „Jeder Wunsch wird uns von den Augen abgelesen.“ Und Torhüter Christopher Rudeck findet: „Hier kann man arbeiten.“ Das bestätigt auch Physiotherapeutin Franziska Wittig, die gemeinsam mit Mathias Haide für das körperliche Wohlergehen der Handballer zuständig ist: „Man hat alles an einem Ort. Die Regeneration ist damit sehr gut umsetzbar.“ Ein neues Handballtor ist kürzlich noch bestellt worden, und in der Trainingshalle sollen ein paar Bilder vom Pokalwochenende aufgehängt werden. „Als Erinnerung an die großartigen Emotionen“, wie es Trainer Markus Pütz nennt. Die hat man dann ständig vor Augen. Für ein Testspiel gegen die südkoreanische Nationalmannschaft war die Halle an der Hermannstraße, ebenfalls in Rade, kürzlich ruckzuck ausverkauft gewesen. Gefühlt war halb Radevormwald auf den Beinen gewesen. Der BHC ist in der Kürze der Zeit schon zu einem wichtigen Teil der Stadt und für die Stadt geworden. Vor allem die Einlaufkinder der HSG Radevormwald/ Herbeck hatten dem Ereignis entgegengefiebert. „Die waren heiß wie Frittenfett“, sagt Carsten Urspruch, der die Betreuung der Kids als langjähriger Ex-Spieler übernommen hatte. Bürgermeister Dejan Vujinovic hebt die Selbstverständlichkeit heraus, mit welcher der Erstligist in Rade angekommen und angenommen ist: „In der Mittagspause habe ich auch schon Markus Pütz und Arnor Gunnarsson bei einem Gang durch die Stadt getroffen.“ Inzwischen Alltagsgeschäft. Das Bergische ist für den BHC da – und umgekehrt. Das wurde auch beim großen Partner-Treffen in der Grillardor-Erlebniswelt in Remscheid deutlich. Mehr als 200 Gäste wurden auf die neue Saison eingestimmt. Nicht nur mit leckerem Grillgut, sondern unter anderem auch mit einem Video vom Pokal-Finalturnier, das noch einmal für Gänsehautmomente sorgte. „Das Netzwerk ist sehr hochwertig“, sagt Frederic Kappenstein, Vorstand der Grillardor-Aktiengesellschaft und BHC-Partner. Und nennt beispielhaft Sparkassen, Vorwerk, Volksbank, AOK, Barmenia und viele Handwerksbetriebe. „Ich bin begeistert davon, wie der BHC den Verein lebt. Dort wird darauf geachtet, dass der Sponsor auch etwas davon hat“, findet Kappenstein und ergänzt: „Wie bergisch der Bergische HC ist, merkt man bei jedem Heimspiel, wo immer mehr Leute auch aus Remscheid in der Halle sind.“ Unter anderem er selbst. Mit Kumpels. „Für uns ist das ein tolles Hobby.“

Die Physios Mathias Haide und Franzi Wittig sind mit den neuen Arbeitsbedingungen sehr zufrieden. Hier hat sich gerade Kreisläufer Tom Bergner vertrauensvoll in ihre Hände begeben.

Remscheid für viele als Wohnort

Die Geschäfte des Bergischen HC werden von Solingen aus geführt, der Nachwuchs trainiert und spielt ebenfalls in der Klingenstadt. In Wuppertal hingegen laufen die Planungen für eine privat finanzierte Multifunktionsarena, die der BHC als zukünftige Heimspielstätte nutzen möchte. Wie weit der Stand der Dinge diesbezüglich ist, mag der Verein freilich noch nicht sagen. Und in Remscheid? Da haben immer mehr Spieler einen neuen Wohnort gefunden. Wie Neuzugang Janik Schrader. Er sagt: „Meine Frau arbeitet in Solingen, und ich muss fast täglich nach Radevormwald. Da bot sich die zentral gelegene Innenstadt von Remscheid an. Abwehrstratege Gerdas Babarskas lebt neuerdings in Lennep: „Unser zweites Kind ist unterwegs, es ist schön ruhig, und ich habe einen kurzen Weg zum Training.“ Auch Neu-Löwe Kristian van der Merwe hat sich für Lennep entschieden und wohnt in der Nähe des Röntgen- Gymnasiums. Mehr bergisch geht es nicht. Jetzt muss „nur noch“ die nächste erfolgreiche Saison her. Jörg Föste macht deutlich: „Wirtschaftlich gehören wir in unseren Ligen immer zu den Mannschaften mit einem geringeren Budget.“ Das weiß man beim BHC und rückt dann noch enger zusammen. Man denke an den 18. und 19. April 2026 in Köln. Sternstunden, die ewig nachwirken.hat

-Andreas Dach, Fotos: Andreas Dach